Montag, 16. März 2020

Brief an Corona

Unser aller Leben ist verriegelt. Die Hochschulen schließen, die Fitnessstudios entledigen sich hormongesteuerter, schwitzender Leiber. Einsamen Menschen fehlt das tröstende Gespräch an der Theke in der Bar. Wir befinden uns im Lockdown. Jeden Tag neue Meldungen von der nächsten Katastrophe, neue Opfer. Kunststudenten klagen auf sozialen Netzwerken ihre ach so verheerende Situation an, sie brauchen das Leben zum Überleben, während die Stützen der Gesellschaft weiter Klingeln um den nächsten Murakami zu liefern. 

Es geht hier um mehr als das Individuum. Ich leide wie wir alle leiden, das brauche ich nicht noch einmal niederzuschreiben. Doch sollten wir uns, beachtend aller hygienischen Standards und der Einhaltung unserer neu auferlegten Rituale, viel mehr um das „Danach“ fragen, als in unseren Wohnungen im „Jetzt“ zu versinken. 

Das Virus kam, nach Europa, wie es auch andere Kontinente heimsucht. Das ist kein Wunder in einer globalisierten Welt. Die Warenketten halten noch. Das Virus kam über die Grenzen in physischer und psychischer Natur. Es frisst sich wie ein Geschwür durch unsere Psyche und zerstört den Gedanken der Allmacht des Menschen. Es stürzt uns von unserem Elfenbeinturm reißt uns die Zwölf Sterne aus der Krone und bringt uns auf den Boden folgender Tatsache zurück: Wir können uns selbst durch erdachte Grenzen nicht vor unserem eigenen Handeln in der Welt schützen. 

Corona ist mehr als ein Virus. Es ist eine Metapher. Es spiegelt unser Verhalten, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, wie wir die Welt benutzen. Wie wir Flüchtlinge ersaufen lassen und Tiere voll gepumpt mit Antibiotika aus großen Verliesen abschlachten um uns selbst wie fette Maden durch den Konsum zu fressen.

Corona ist die Wut auf die Gesellschaft und Hass gegen mich selbst. Die Wut kann verschrien werden, sie kann durch Ironie und Zynismus gebrochen, oder durch Untätigkeit im Keim erstickt werden. Der Hass ist mehr. Denn Hass verlangt Vergeltung. Doch Vergeltung nach was? Nach der Ausgrenzung von Chinesen die uns nicht nur die Pest, sondern jetzt auch Corona, Covid-19, SARS-CoV2-2 (und wie es auch immer genannt wird), eingeschleust haben. Das sagen manche. America first gegen China the Second und Europa wie immer im Zwiespalt um den besten Deal. Nein. Es ist eine Vergeltung, die den Hass nur durch Tätigkeit und eigenes Handeln brechen kann. 

Ohne die Bereitschaft zur Veränderung werden wir an dieser Krise scheitern. Sie ist das Ohngesicht. Wir können entweder dem Egoismus frönen und Supermärkte leer kaufen, Medien können weiter über das Gespenst Corona und dessen Schrecken berichten und die Politik mag mit möglicherweise verfrühten oder verspäteten Erlassen auf das Problem reagieren, doch es wird nichts verändern.

Es ist die Suche nach Patient 0. Wenn die Weltgemeinschaft ihre Einstellung zum Leben und zum Ökosystem nicht verändert und die glorifizierende Vorstellung des neoliberalen Kapitalismus nicht aufgibt, wird der Hass vieler nur Größer. Der Hass auf die Anderen, der Hass gegen das System und gegen die Merkel, der Hass auf den Nachbarn (der irgendwie Ausländer ist, aber irgendwie ja auch nicht weil man selbst ja auch Ausländer ist, oder Inländer - und wo waren da nochmal die Grenzen), der Hass auf das Andersartige (was es auch immer sein mag), der Hass auf die Politik, der Hass auf das Fremde und zu guter letzt der Hass gegen die eigene Unfähigkeit zu Handeln. Es gilt besonders heute als Gemeinschaft vereint zu sein, denn das Virus ist wie der Parasit bereits in uns allen. Wir müssen erkennen, dass jeder von uns Patient 0 ist. 


Und so schenkt uns Corona bei all dem Schrecken die Stimme, die nicht verklingen wird nach dem Ende eines Sommer in der Pandemie. Die Frage die nicht aufhört zu fragen wo Menschen durch Behäbigkeit und Gier vertuschen. Das Leid das nicht aufhört sich nach Gerechtigkeit zu sehnen und die Veränderung ruft. Und die Veränderung die hofft gesehen zu werden, die sich wünscht in den Gedanken im Danach weiterzuleben.

R-E-A-C-T-I-V-I-E-R-U-N-G

V-I-R-U_NG