Freitag, 23. September 2016

Wie ich mir mit einem Lehramtsstudium Sicherheit einreden wollte.

Hey ihr Lieben,

das Abenteuer Leben scheint bei mir bald anzufangen. Erst vor wenigen Monaten mit dem Abiturzeugnis glücklich die Schule verlassend, sehe ich mich wieder mit einer Schultüte in der Hand, hilflos vor einem Neuanfang und den weit geöffneten Türen eines Gebäudes. Klar. Wo ein Ende, da auch ein Anfang. Wenn der Beginn eines Lebensabschnitts nur nicht so holprig wäre. Vielleicht verliere ich jetzt, nach meiner schulischen Laufbahn, auch einfach die Illusion des einfachen Alltags. Natürlich musste man viel Lernen und war bis in die Nacht oft mit dem Lösen von mathematischen Aufgaben beschäftigt, doch wusste man von Tag zu Tag was auf einen zukommen wird und hatte genug Sicherheit, die das Leben stützte. Dies sieht ab sofort anders aus.

Der eigentlich Plan, den ich kurz nach dem bestandenen Abitur festlegte, sah vor, an der Universität Würzbug auf Gymnasiales Lehramt, Deutsch und Geschichte zu studieren. Wie bieder, müsst ihr euch jetzt denken. Doch ich entschied mich dagegen. Ich möchte meinem Herzen folgen und zuerst versuchen in Berlin an einer Schauspielschule aufgenommen zu werden. Berlin, ihr hört richtig. Schauspiel, das ist die brotlose Kunst, wie man so schön sagt. Das erste Vorsprechen habe ich am ersten Oktober und ich bin mitten in der Vorbereitung und lernen fleißig meinen riesigen Monolog von Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür" auswendig. Ich entschied mich für mein Herz und verlor damit die Sicherheit, die ich mit einem Studium hätte anpeilen können.

Aber wieso? Ich fühlte mich eingesperrt. Legte mir eigen geschmiedete Fesseln um und hätte fast etwas gemacht, wofür ich nicht brenne. Was ich nicht als meinen Lebensinhalt anerkennen kann. Das Theater ist meine Leidenschaft, die Kunst mein Zuhause. Hier fühle ich mich wohlig warm und heimisch, hier fühle ich mich sicher.. Moment! Sicher? Gerade sagte ich doch noch die Sicherheit gegen Freiheit eingetauscht zu haben?

Im weiteren Verlauf der Überlegungen kam mir der Gedanke, auch mit einem Lehramtsstudium keine Sicherheit erlangen zu können. Eher würde ich sie mir über Jahre vortäuschen und einreden. Der größt gehegte Wunsch von mir ist es, irgendwann im Leben anzukommen. Zuerst dachte ich, dies mit einem solchen Studium schaffen zu können. Irgendwann werde ich verbeamtet, verdiene jeden Monat gutes Gehalt, wohne in einer kleinen Stadt und habe eine Familie.

Vielleicht ist die Familie mein wunder Punkt. Ich bin homosexuell und es ist nicht einfach eine Familie zu Gründen. Ich kann nicht in dem kleinen Ort namens Neudorf eine Frau unter den 50 Einwohnern finden und mit ihr Kinder bekommen. Als schwuler jemanden zu finden ist noch schwerer, als den richtigen Partner als hetero kennenzulernen.

Die ganze Zeit redete ich mir also ein mit dem Studium Sicherheit zu erlangen, was natürlich absolut illusorisch ist. Denn Sicherheit findet man nicht in einem Gegenstand, materiell oder immateriell. Sicherheit findet man auch nicht in einer geliebten Person. Sicherheit muss man in sich selbst finden. Wenn man sich in sich sicher fühlt, weiß wer man ist, was man macht und all seine Taten mit Überzeugung auslebt, fühlt man sich sicher. Und mit dieser gestärkten Persönlichkeit kann man in die Welt treten und eine Heimat finden, bei einem geliebten Menschen Geborgenheit suchen und sich ein Zuhause schaffen.

Ich wollte davor fliehen. Wollte vor mir fliehen und vor einer ungewissen Zukunft, indem ich mir einredete bereits jetzt meinen Grundstein und das Gerüst für all diese bauen zu können. Ein Gespräch mit einem sehr alten Freund machte mir dies klar. Er erzählte von seinem Studienjob in den Semesterferien im Einzelhandel. Ein Kollege war erkrankt. Nach längerem aussetzen die Diagnose: Multiples Sklerose. In diesem Moment, ohne darauf abzuspielen, fiel es mir wie ein verblendender Schatten von den Augen: Es gibt keine planende Sicherheit. Wir können uns nichts in Planung auf dreißig, oder vierzig Jahre schaffen. Sollte ich mich jetzt durch ein Lehramtsstudium durchkämpfen, was ich nicht möchte, nur, um irgendwann in 40 Jahren Rektor zu werden, wäre das falsch. Denn das Leben legt unser geplantes Kartendeck anders aus als erwartet.

Und so ist und bleibt in meinem Lebensabschnitt nicht zu planende Ungewissheit und Ahnungslosigkeit, Teil, eines ganz normalen Konstrukts, das ich akzeptieren muss. Ich stehe also wieder hilflos, wie wahrscheinlich noch so oft im Leben, mit einer Schultüte vor den Toren eines offenen Schulgebäudes. Doch je eher wir begreifen, dass unser ganzes Leben aus Lernen besteht und wir immer in einer Schule - der Schule des Lebens - sein werden, desto einfacher wird es mit dem natürlichen Lauf des Lebens frieden schließen zu können.

Mittwoch, 21. September 2016

Was von einer Beziehung übrig bleibt...

Hallo ihr Lieben,

ihr alle kennt das Gefühl von einem Menschen angezogen zu sein. Dazu muss man keinen bestimmten Grund nennen. Viele meinen immer genau sagen zu können, wie genau ihr Typ zu sein hat. Dünn, blonde Haare, mindestens 180 groß - wobei das vielleicht schon ein Kriterium bei mir wäre - und ein paar Muskeln. Bloß nicht zu viel! Oftmals, so geht es zumindest mir, fühle ich mich von den unterschiedlichsten Menschen angezogen. Es kann sein, dass die die Person super ausschaut und der Charakter nicht ganz zur eigenen Art passt. Oder man etwas am Aussehen zu bemängeln hat, aber unglaublich gerne der Stimme lauscht und die Körpersprache mag.

Nehmen wir ins unserem Gedankenexperiment an, das Gegenüber empfindet ebenso. Man lernt sich kennen. Mehrere Facetten. Wenngleich das meiste der Wesensart verborgen bleibt. Im besten Fall verliebt man sich. Man verbringt immer mehr Zeit miteinander, erlebt unvergessliche Momente an die man sich gerne erinnert. Aus der Art des neu gewonnen Lebenspartners - oder heutzutage oft genant Lebensabschnittspartner - und dem eigenen Charakter wächst eine Symbiose.

            Tipp vom nicht zertifizierten und abzuratendem Psychologen Heise: In einer gesunden    
            Beziehung sollte eine Art von Symbiose nicht der Bestandteil ihrer Beziehung sein. 

Man selbst schafft dem Gegenüber in einer Beziehung nie den Abdruck seiner selbst. Nicht, weil man sich absichtlich oder unabsichtlich verstellt. Wir versuchen auf den Partner Rücksicht zu nehmen. Tolerant zu Verhaltensweisen zu sein, die uns an ihm stören. Mit ihm finden wir Gemeinsamkeiten die wir gerne ausleben. Filme, die beide berühren und Themen moralischer Art, die für die Sichtweisen beider Menschen wichtig erscheinen. Wir stoßen an Kanten und Klippen, über die wir es nicht schaffen hinwegzusehen. Die so essenziell unseren Charakter bestimmen, dass sie ausgelebt in den kleinsten Begebenheiten zu Krisen führen können.

Irgendwann und dies geschieht den meisten Menschen, trennen wir uns. Dann bleibt nicht mehr viel von dem Gewesenen. Von der Liebe. All die warmen Momente schmerzen in unserem Herzen. Wir spüren Wochen nach der Trennung immer noch den warmen Atem auf der Haut. Wir bekommen den Geruch nicht aus unserem Gedächtnis und sehnen uns nach den liebevollen Worten. Wir sehen uns vom Partner berührt zu werden. Wir sehnen uns nach Liebe.

Aber was bleibt? Wir werden vom Leben gedrängt weiter zu gehen. Es bleibt uns nichts anderes übrig als uns wiederzufinden. Gelöst von unserer "besseren Hälfte", liegt es an uns, den Charakter auszufüllen und gestärkt aus dem Ganzen zu gehen. Wir vergessen. Monate nach der Trennung sind wir, wenn wir genau darüber nachdenken, nicht mehr der Mensch der wir einst in der Beziehung waren. Nach der Trennung trösten wir uns damit, den Menschen nicht aus der Welt verloren zu haben, sondern nur freizugeben. Doch sind wir ehrlich. Der einst geliebte Mensch existiert nicht mehr und wird nie wieder existieren.

Es bleibt das Gefühl der Symbiose. Da wir nie den Menschen in seiner wahren Essenz kannten, bleibt nur die Vermischung aus beiden Charakteren. Es ist falsch zu sagen, die Erinnerung an den Geruch, die wunderschönen Zeiten, die liebevollen Momente, bleibe. Eine in der Vorstellung ernüchternde Tatsache. Denn würden wir den Geruch der damaligen Zeit rekonstruieren wollen, müssten wir auch unseren Eigengeruch zur Mischung des Parfüms beifügen. Doch das können wir nicht. Denn wir sind bereits vergangen.

Sonntag, 18. September 2016

Ignoranz

Hallo ihr Lieben,

gestern brach nach wochenlangem Sonnenschein der Herbst in unseren Alltag und unsere Herzen. Ich für meinen Teil lebte den Sommer und kostete ihn aus. Ohne die Liebe, - wobei es trotzdem Herzschmerz gab und die Schmetterlinge so schnell eingingen wie sie kamen - doch mit vielen Freuden meiner Freunde und Erlebnissen in neuen Regionen der Welt. Das Abitur war bestanden und das Hirn lahm gelegt, für eine lange Zeit. Oft, wenn wir leben und glücklich sind, vergessen wir unsere eigene Existenz und geben zu wenig acht auf uns. Wir verlieren uns auf der schönen Seite einer verlassenen Insel, auf der so viele Menschen leben, doch so viele einsam sind. Wir vergessen Trauer und Schmerz. Wir blenden ihn aus. Lange Zeit habe ich mich (eigentlich während des ganzen Sommers), nicht mehr um Nachrichten und Politik gekümmert. Ich wollte einmal unbekümmert sein. Ich hatte Angst vor dem Sog der bestürzenden Botschaften. Auch bin ich mir darüber gewiss, dass es ein Privileg ist den Stand-By Knopf zu drücken. Andere können das nicht. Verlorene, die auf der Suche nach einer Heimat und sich selbst sind. Auch bin ich mir über die Ignoranz und Oberflächlichkeit dieses Handelns bewusst bin.

Ich war auf einer Insel. Keiner einsamen Insel. Sie befand sich inmitten einer Metropole. Unter Menschenmassen lag ich und schaufelte mir eine Höhle, indem ich die verstorbenen "Individuen" aus dem Knäul der Lebewesen hinweg schaffte. Ich begrub sie nicht. Ich schmiss sie auf die Gehwege und ließ sie verwesen. Warum? Das macht man so. Ich richtete es mir dort gemütlich ein. Lies nur die Leute verkehren, die mich mit Freude beglücken konnten und sammelte das Glück in einem Glas, das ich jeden Tag auf's neue leer trank. Ich lachte, ich speiste, ich trank, ich. Ich. ICH. Und irgendwann bemerkte ich, dass ich mir wie all die Anderen, in diesem Gewebe aus Teilchen, mein eigenes Grab grub. 

Und damit wünsche ich euch einen schönen Herbstanfang und gute Besserung.

Flo

Ein wunderherzliches Zitat aus dem Film "Die Wand"

Ich bedauere die Tiere und ich bedauere die Menschen, weil sie ungefragt in dieses Leben geworfen werden. 
Vielleicht sind die Menschen bedauernswerter, denn sie besitzen genau so viel Verstand, um sich gegen den natürlichen Ablauf der Dinge zu wehren. 

Das hat sie böse und verzweifelt werden lassen - und wenig liebenswert. Dabei wäre es möglich gewesen anders zu leben.

Es gibt keine vernünftigere Regung als die Liebe. Sie mach dem Liebenden und dem Geliebten das Leben erträglich. 

Nur - wir hätten rechtzeitig erkennen sollen, dass diese unsere einzige Möglichkeit war, unsere einzige Hoffnung auf ein besseres Leben. Für ein unendliches Heer von Toten ist die einzige Möglichkeit des Menschen für immer vertan. 

Immer wieder muss ich daran denken und kann nicht verstehen, warum wir den falschen Weg einschlagen mussten. Ich weiß nur, dass es zu spät ist. - Aus dem Film "Die Wand"