Freitag, 1. Mai 2015

Die verschiedenen Weisen zu leben

Es ist Nacht, die Welt schläft und ich bin wach. Es gibt momentan keinen, mit dem ich mich unterhalten, dem ich Geschichten oder Sorgen erzählen könnte. Ich sitze Nachts um 03:00 Uhr in meinem Bett und schreibe einen Blogeintrag. Gerade eben, ich weiß es nicht genau, denn ich bin nicht dort, steigt in der nächsten Stadt eine Hausparty von der Schwester einer sehr guten Freundin. Auch ich wurde dazu eingeladen, was mich sehr freute. Doch bereits als sie fragte, lehnte ich dankend ab. Wir haben ein verlängertes Wochenende und ich war mir sicher, endlich wieder ausspannen zu wollen und am nächsten Morgen, nicht in einem mir fremden Haus aufzuwachen. Ich mag den Freundeskreis sehr und die Party hätte mit Sicherheit super werden können. Obwohl ich generell keinen Alkohol trinke, wäre der Spaß nicht zu kurz gekommen.

Als ich mitten in der Pubertät steckte, wünschte ich mir solche Freunde, die mich einladen würden und bei denen ich mitfeiern könnte. Damals war ich ein sehr introvertiertes Kind und machte eine schwere Phase durch. Nicht zuletzt durch mein inneres Outing und dem nicht wissen, wer man ist. Mit einer brüchigen Persönlichkeit, ungefestigt und vielen Gedanken ging ich jeden Tag zur Schule. Konnte natürlich nicht ich selbst sein, da ich nicht wusste wer ich war. Mit nur wenigen, alten Freunden bestritt ich meine Tage und in der Schule fühlte ich mich nicht wohl. (Hier muss angefügt werden, dass ich mich damals auf einer Art Realschule befand und erst nach der 10. Klasse auf's Gymnasium wechselte.) Bis zu einem gewissen Punkt war das mit Sicherheit auch meine eigene Schuld. Ich wollte und konnte mich nicht öffnen und war viel zu schüchtern. Die Abende verbrachte ich vor dem Fernseher und PC, Skype mit "meinen Freunden", die ich natürlich auch im Real Life kannte und vergeudete die Zeit mit dem Schauen von YouTube Videos, Computerspielen und Dingen, die so unwichtig waren, dass ich sie vergessen habe. Ich führte kein glückliches und auch kein zufriedenstellendes Leben. Wieder und wieder durchdrang mich der süßlich schmeckende Schmerz der Einsamkeit. Dieses Wissen, anderen würde es gut gehen, andere würden Spaß haben und den Moment leben. Auch wenn dieser so verflogen sein mag, wie meine Zeit am PC und ich noch die Speicherstände auf der Festplatte besitzen werde, so besitzen sie die Freude des Moments. Oft sehnte ich mich danach, so zu sein wie die anderen. Ich wusste nicht, warum ich nicht glücklich sein konnte, nicht das Recht hatte im Moment zu leben und die Zeit mit Freunden, auf Partys, in Kneipen und zusammen bei anderen zu genießen. Ich muss anfügen, immer nachdenklicher als die anderen gewesen zu sein. Über alles und jeden habe ich mir Gedanken und Sorgen gemacht. Das Leben alleine und außerhalb der breiten Masse, mag mit meinem Körpergewicht und genau dieser Nachdenklichkeit zusammengehangen haben. Vielleicht war auch das Nachdenken und die Einsamkeit schuld am Körpergewicht, ich weiß es nicht. Jedenfalls war ich ein unglücklicher Jugendlicher und empfand meine "Jugend" als vergeudet, doch ändern konnte oder wollte ich nichts.

Ich wusste etwas in meinem Leben ändern zu müssen. Also nahm ich ab. Insgesamt waren es 25 Kilogramm, die von meinem Körper über einige Wochen schmolzen. Eines Sonntags nahm ich mir vor, endlich so sein zu wollen, wie alle anderen. Ich hoffte dies mit dem Verlust meiner Masse schaffen zu können. Natürlich wollte ich mich auch endlich nicht mehr daheim verstecken müssen, da ich mir in der Schule schreckliche Sprüche anhören musste. Doch es wurde nicht besser. Obwohl ich nun schlank war, fühlte ich mich nicht glücklich und unternahm nicht mehr. Einen Grund für diese innere Einsamkeit konnte ich nicht ausfindig machen. Natürlich hatte ich Freunde, sehr gute sogar. Und ich hatte oft Kontakt mit ihnen. Wir drehten an den Wochenenden Filme für unseren YouTube Kanal, trafen uns manchmal so bei mir Zuhause, doch fühlte ich weiterhin verzeinzelt die innere Einsamkeit.

[Ich möchte nun einiges im Schnelldurchlauf erzählen, da es sonst den Rahmen sprengen würde: Dies war die Zeit, als ich auf die alte Schule ging (ich war vielleicht 14 Jahre alt) und mich bei den Menschen dort nicht wohl fühlte. Ich wollte und konnte mich nicht mit ihnen anfreunden, da es einfach nicht mein Klientel war. Durch das Abnehmen konnte keine Besserung erzielt werden. Die innere Einsamkeit kann auch, und das halte ich für sehr wahrscheinlich, an meinem nicht abgeschlossenem inneren Outing gelegen haben. Ich konnte mich selbst, so wie ich war, nicht akzeptieren und wollte immer jemand anders sein. Das brachte mich in einen Konflikt mit meiner eigenen Persönlichkeit und wie sagt man so schön: Wer sich selbst nicht mag, wird auch andere nicht mögen können.]

Ich wechselte also auf ein Gymnasium und das Leben wurde leichter. Die Menschen dort waren anders, aufgeschlossener. Ich fühlte mich wohl und fand bald Menschen, die ich heute als eine meiner engsten Freunde bezeichnen würde. Immer noch ging ich nicht weg und immer noch stellte ich mir die Frage nach dem Sinn des Lebens. Fühlte meine "Jugend an mir vorbeiziehen" und hatte Angst, mein eigenes Leben zu verpassen. Natürlich ging ich nun öfter zu Freunden und unternahm mit ihn ein paar Aktionen am Wochenende. Versteht das nicht falsch. Nach mittlerweile drei bis vier vergangenen Jahren bin ich ein sehr aufgeschlossener und lebensfroher Mensch geworden. Dennoch verspürte ich eine lange Zeit das Gefühl, etwas würde mir fehlen.

Wirklich geändert hat es sich, mit dem ersten Jungen. Ich kann nicht behaupten großartig verliebt gewesen zu sein und ich glaube ich wusste bereits am Anfang, dass es keine ewige Beziehung wird. Aber ich machte meine ersten Erfahren. Hatte endlich auch eine Person, wie alle anderen. Musste mir nicht mehr denken: Wieso haben alle eine Freundin und nur weil ich anders bin, finde ich niemanden? Und es war nicht nur irgend ein Typ aus dem Netz, es war eine Schulhof-Romanze. Und jeder von euch, der das schon mal erleben durfte, weiß wie besonders es ist. Es mag sein, dass es Frauen und Männer an Schulen wie Sand am Meer gibt. Aber einen Typen, der auf der gleichen Schule und dann noch in derselben Jahrgangsstufe ist, zu finden, hat etwas Besonderes. Wir hatten den gleichen Freundeskreis und verbrachten tolle Treffen miteinander. Wir verstanden uns, hatten gleiche Vorstellungen, konnten, meiner Meinung nach, uns verstehen ohne zu reden. Dennoch war es nie "die Liebe", es war viel mehr ein sich gegenseitig Aufmerksamkeit und Nähe schenken. Hand halten, küssen und zusammen im Bett rumliegen. Einfach jemanden haben, damit man nicht alleine ist.

Doch all dies hielt nur wenige Monate und der vor Jahren nicht vorstellbare Traum zerrann, als sei es nie gewesen. Während dieser Zeit muss ich zugeben, war ich aber bereits sehr aktiv. Ich unternahm viel mit Freunden und war an Wochenende immer weg. Man kann also nicht sagen, dass er der Grund dafür gewesen sei. Viel mehr perfektionierte er den Traum, meinen Traum, des jugendlichen Lebens. Ein Freund, viele Freunde, bliebt sein, das Theater, eine Bestimmung und keine Angst davor, wie alles weiter gehen soll. Doch es kehrte sich um.

Meine Freunde habe ich natürlich auch nach dieser, ich möchte es nicht Beziehung nennen, es ist viel mehr eine Romanze, immer noch. Und aktiv bin ich mit dem Tanzen weiterhin. Im Theater werde ich bald auf einer größeren Bühne spielen und "beruflich", wie auch schulisch, geht es mir gut. Nur weiß ich jetzt, was ich über all die Zeit vermisst habe, wonach ich mich sehnte. Zum einen danach, mich selbst zu akzeptieren und durch ein Outing im Freundes und Bekanntenkreis akzeptiert zu werden und zum anderen das, was jeder hat, eine Beziehung. Im Nachhinein, einige Monate, denn mir ging es lange nicht gut, bin ich froh es gehabt zu haben. Ohne eine Träne und einen schlechten Gedanken kann ich daran zurück denken, an das erste Treffen, die Party bei einem Kumpel von uns und das "sich näher kommen". Ich sehe es als eine wunderschöne Erinnerung an und konnte damit abschließen. Auch wenn ich diese Schulromanze gerne fortgeführt hätte, da es etwas Einmaliges, nie wieder vorkommendes, bleiben wird.

Doch kurz nachdem ich gesagt bekommen hatte, dass er nicht verliebt sei, brach eine Welt zusammen. Ich fühlte mich so verloren, gedemütigt, hingehalten. Es hieß oft, er wisse nicht was er wolle und ich glaubte zu fühlen, er würde mich mögen. Vielleicht nicht vollends verliebt sein, doch das war ich auch nicht und es wäre für mich in Ordnung gewesen. Plötzlich machte ich noch mehr als zuvor. Ich wollte den Schmerz nicht verarbeiten, wollte ihn verdrängen. Ich ging tanzen, zu Freunden, feiern und arbeitete viel für das Theater und machte ein wenig mehr für die Schule als sonst, auch wenn es mir schwer viel.Nun stand ich voll im Leben, war Power-Mann und über alles erhaben. Das ging vielleicht drei Monate so.

Jetzt sitze ich hier und schreibe einen Blogeintrag, weil ich um 04:00 Uhr mit meinem Laptop im Bett liege. Heute Feiertag ist und ich Lust habe zu schreiben. Ich war den ganzen Abend alleine, habe ein wenig mit einem guten Freund gezockt, nachgedacht. Aber es waren keine schlechten Gedanken. Ich stellte mir die Frage nach den Lebensweisen, wie man "richtig" lebt. Damals, als ich nie lebte, wusste ich nicht wie es ist und wollte es unbedingt haben. Ich verzweifelt daran alleine zusein, weil ich nichts anderes kannte und kein Partymensch war. Heute kann ich sagen, meine ersten, kleinen, Erfahrungen mit einem Jungen gehabt zu haben, viel unterwegs zu sein und einen Terminplan zu besitzen, der aus allen Nähten platzt. Und ehrlich gesagt: Es macht mir nichts mehr aus, alleine zu sein, denn ich habe die andere Seite, die wundervoll sein kann, erlebt. Manchmal denke ich einem Wendepunkt zu stehen, an einer Gabelung und ich muss mich entscheiden, zwischen Lebemann und kleinem, einsamen Denker, der sich verkrümelt.

Am liebsten wäre mir ein Mittelweg. Ich bin froh wieder mit mir klar zu kommen und alleine sein zu können, andererseits genieße ich auch die Gesellschaft. Ich hoffe es wird mir gelingen.