Dienstag, 7. April 2015

Das Herz

Diese Geschichte handelt um Liebe. Doch sie beschreibt nicht die Weisen der Liebe, sondern den Weg der Vergessenen auf ihren Weg zum Licht.
Liebe mich dann, wenn ich es am wenigsten verdient habe, denn dann brauche ich es am meisten.  - Helen Keller
Dieses Zitat stammt vom 22.02.15


Das Herz

von Florian Heise


Diese Geschichte widme ich Florian Friedrich


Das Herz - Was willst du, Gestallt?

Nein! Ich bitte dich, flehe dich an. Nimm es mir nicht. Diesen kostbaren, goldenen Schatz, der mein Innerstes spiegelt. Zu lange suchte ich danach, um ihn wieder zu verlieren. Was willst du, Gestalt, von mir? Warum bist du hier und nicht dort, bei den anderen? Den nicht Liebenden? Wieso suchst du mich, du Ungeheuer der Nacht, du Albtraum im Schlaf, mich Heim und begegnest mir an meinen schwächsten Tagen? Ich will dich nicht, wollte dich nie und doch überfällst du mich wie die Lawine einen Bergsteiger überraschend verschüttet. Begraben unter den Massen der Schneegewalt liege ich und fühle mich erdrückt. Atme deine verbrauchte, alte Luft auf. Sterbe innerlich vor Sehnsucht nach Freiheit, doch kann nicht gehen, nicht verlassen, nicht neu beginnen. Denn du umgibst mich. Verbrauchst mich. Ich verliere mich in dir. Die Dunkelheit unter den Bergen von Schnee erfüllt mich mit Angst. Unsicher und verloren fühle ich mich. Wieso nimmst du es mir? Ich habe nichts, scheine nie etwas gehabt zu haben und kann mich nur noch an Bruchstücke der damaligen Freude erinnern. Doch dort ist nichts, war nichts, kann nichts sein. Denn du hast ein Loch in mich geschnitten, mich ausgehöhlt, so wie man den Rest einer Dose auskratzt. Du hast es mir genommen, doch willst es nicht für dich. Dir ist egal was damit passiert. Dich kümmert mein Leben nicht, du nimmst, weil du willst.  
Und dann verwirfst du es. Schmeißt mein Herz über den Steg in den schwarzen Ozean. Ich falle. Entkräftet und ohne Sauerstoff, falle ich zu Boden. Versuche, das Herz, zu retten. Doch es ist zu spät. Schon zu tief gleitet es hinab. 


Das Herz - Hurrikane

Ich sinke. Herausgerissen aus dem Leib umgibt mich salziges Meerwasser. Zu verätzen scheint meine Hülle, umgeben und angegriffen von tausend salzigen Tränen. Er liebte mich, verehrte mich, gab mir Anerkennung und Wertschätzung. Er brachte das Beste von mir zum Vorschein. Nun bin ich ein körperloses Herz unruhig treibend im Ozean. Ich bin nicht mehr von Bedeutung, habe niemanden. Der Schein, der über mir so hochstehenden Mittagssonne wird abgefangen vom trüben Wasser des Meeres. Immer ferner scheint das Licht am Ende, von dem ich kam. Doch ist das mein Ende noch nicht gekommen und der Weg führt weiter, tiefer. An den Fischschwaden vorbei, die von gierigen Haien gejagt werden. Fischfutter sind sie, mehr nicht. Ein Teil in der Kette des Lebenskreislaufes, so wie ich eines sein sollte. Doch das bin ich nicht. Denn ich treibe umher im dunkelblauen Wasser der Endlichkeit. Und ich spüre, die Endlichkeit. Meine Begrenztheit. Dort oben liegt die Hülle meines damaligen Ichs. Doch nun bin ich nicht mehr dort oben, nun bin verloren, in nie zuvor gewesenen Weiten. Ich kann nicht loslasse. Kann nicht über mich verfügen denn ich gleite wie eine Feder die von dem Wind immer weiter getragen wird, höher und höher schwebt, ungebändigt. Doch das bin ich nicht, denn ich sinke tiefer und die Strömungen bewegen mich immer näher an einen Strudel der alles aufsaugt. Ein schwarzes Loch, das alles in sich verschlingt, keinen einzigen Lichtstrahl mehr hindurch lässt. Immer näher reißt es mich an den Strudel und ehe ich mich versehe bin ich schon mitten im Auge des Unterwasserhurrikane aus Fischkadavern und Algenresten. Aus Plankton und Muscheln. Aus Haien und Fischschwaden. Es gibt keinen Feind mehr, alle Feinde die geschaffen wurden sind entkräftet, denn nun zieht uns der Strudel in seine Mitte. Alle werden sie sie verschlungen und drehen sich immer weiter ein auf den Grund des Bodens. Und ich versuche zu entfliehen mit all der mir gegeben Möglichkeiten, doch ich schaffe es nicht und lasse mich einkreisen von den anderen Überresten der Lebewesen. Mein Blick wird starr und richtet sich nach außen. Weiter im Sog schaue ich in die Ferne. Erkennen, kann ich kaum etwas. Doch scheint mir der Blick nach außen die Illusion von Rettung zu geben und als hätte man mich erhört sehe ich einen kleinen, beinahe, im schnellen Kreisdreh der Gezeiten, unscheinbaren Fisch. Er sieht gewöhnlich aus, wie all die anderen Fische, doch gibt einen Ton von sich der so liebreizend ist. Weiter. Schneller. Schneller. Ich kann ihn nicht mehr sehen, er ist verschwunden, war es doch nur eine Vorstellung? Waren es meine Gedanken, die mir einen Streich spielten. Ich weiß es nicht, ich drehe mich. Mir wird schwindlig, schlecht.


Das Herz - Kristall

In der Mitte angekommen drücken die anderen Kadaver auf mich. Erdrücken mein, schon zutiefst durch Salzsäure verätztes, Gewand aus Hoffnung. Und als meine Kräfte schwinden und mir der Wille zu überleben versagt drückt es mich durch einen kleinen Spalt. Eine rundförmige Lochöffnung des steinharten Kliffs. Da der Druck von oben zu groß wird quetscht es mich immer mehr in das zu enge Loch, reißt meine Schale auf und presst mich durch die Öffnung. Ich bin entkommen, dem Tod entronnen. Doch was ist nun? Wohin gelange ich? Der Fall in dem nicht aufhörenden Weg des Wassers scheint unendlich. Doch die vorher mir erscheinenden Lebewesen sind nun gänzlich verschwunden. Hier ist nichts. Keine Pflanze, kein Partikel, kein Fisch und keine Räuber. Der Ort an dem ich mich befinde ist so leer wie meine Gefühle es sind. Doch was bedeuten schon die Gefühle im Angesicht der blutenden Wunden. Die rote Flüssigkeit zieht streifen und ich kann, wenn ich zurück schaue, was ich nicht gerne mache, meinen Leidensweg erkennen. Doch ich verblute nicht, denn als immer mehr Blut schwindet, scheint das Salz in die Wunden zu binden, scheint sie zu schließen. Die Streifen schwinden und es geht mir besser. Ich fühle mich: Gut, wohl. Es schmerzt nicht mehr. Doch umso mehr die Schmerzen nachlassen und sich mein Gefühlszustand verbessert umso mehr Salz verharrtet sich in das rostfarbene Fleisch. Ich scheine mich zu ändern, neu zu formatieren. Die Weichen stellen werden hart, gläsern. Werden zu: Kristall umgibt den Rest der verbliebenen roten Membranstellen. Doch nicht nur äußerlich verändere ich mich. Auch innerlich erstarre ich, werde aus kristallförmigen Glassplitterstücken neu zusammengesetzt. Bin Transparent. Unantastbar und doch brüchig wirke ich. Nichts wird mich mehr verletzen können. Kein Schaden kann mir hinzugefügt werden. Doch ich freue mich nicht darüber, empfinde die Gefühle nicht. Ich empfinde keine Gefühle.


Der Fisch

Versinkend komme ich an einem Kliff vorbei auf dem ein Schiff vor Jahrzehnten gestandet haben musste. Von Moos bedeckt und der Lack vom Zahn der Zeit abgenagt und mit Rost bedeckt, blicke ich in meine Zukunft. Auf dem Meeresboden werden ich liegen, bedeckt Algen, abgestorbenen Fischen und Erdschichten, denn ich kann nicht vermodern, so wie die im Lebenskreislauf eingebundenen Wesen, ich bin nicht mehr aus Fleisch und Blut. Als Kristall so verlockend wie nichts anderes, scheine ich eine Anziehungskraft abzustrahlen. Denn hier unten, wo sonst nichts ist, begegnet mir wieder der unscheinbare Fisch. In Kreisen nach unten drehend gleicht er sich an meine Fallgeschwindigkeit an und begleitet mich. Jetzt, wo ich klarer sehen kann, sehe ich trotzdem nicht viel. Ein grauer, kleiner Fisch. Doch dieser betört mich mit unheimlich wunderschönen Klängen, die ich so noch nie gehört habe. Die Töne erinnern mich an meine Hoffnung, die damalige und nun verschwundene Willenskraft. Doch was soll ich hier unten schon wollen? Wie sollte ich auftreiben? Rumps! 

Meeresboden

Aufgeprallt. Ich liege auf dem Meeresboden, bin angekommen am Ende meiner beschwerlichen Reise. Licht kann ich keines mehr erkennen. Die Umrisse der Gesteinsformationen sind nur noch Schemenhaft. Der Fisch an meiner Seite, sich im Kreis über mich bewegend, singt immer noch. Ihn scheint die Leere nicht zu stören. Meine Anwesenheit ist ihm genüge. Nach weiteren Stunden meiner Tatenlosigkeit erhellt er das Wasser mit einer kleinen, an seinem Schwanz befestigten Leuchtkugel. Er schenkt mir Licht und Aufmerksamkeit, doch kann ich ihm nichts entgegenbringen. Ich habe weder die Möglichkeit mich ihm Bemerkbar zu machen, noch kann ich ihm Dankbarkeit zeigen, denn ich bin ein Kristall. Ein durch das Licht hell reflektierender in Regenbogenfarben schimmernder Kristall als Herzform. Ich verübe einen unheimlichen Reiz aus, wie es mir scheint, bin der einzige Kristall Meilenweit entfernt von anderen Kristallen. Sie tummeln sich in den Gebirgsketten und den Felsen des Meeres, doch hier ist nichts. Entleert von allem erfülle ich die Leere.

Diese Geschichte wurde bereits am 22.02.2015 begonnen, mit vorgesehener Widmung und eigentlichem Ausgang. Ab hier handelt es sich um die Zeit des 07.04.2015

Schwerelos

Die Schallwellen der währenden Musik des summenden Fisches durchströmen fortan, mich, das Herz aus Kristallen. Wochen und Monate vergehen, während sich vermutlich die Sonnenscheibe hebt und senkt. Doch erkennen kann man von hier unten nichts und das Gefühl über Raum und Zeit habe ich verloren. Ich denke nach, fühle die damalige, warme Zeit. Doch umso länger ich liege um so mehr kühle ich ab. Und die Erinnerungen treten langsam in Vergessenheit. Der Geruch der Gestalt verschwindet, das Antlitz wirkt fad und unsympathisch in meinen Gedanken. Und auch bei der Vorstellung das Wesen wieder zu sehen, fühle ich keine Wärme. Denn mir ist vieles bewusst geworden, Dinge, die ich nicht erkannt habe. Und zusammen mit der Musik des summenden und singenden, leuchtend strahlenden Fisches, bricht: der Kristall. Eine Welle aus Wärme und Fröhlichkeit überkommt mich. Der Kristall beginnt zu splittern und ab zufallen. Immer roter wird das Herz, die Venen scheinen wieder durchblutet zu sein. Ich fühle mich frei, ungebunden, nicht mehr gefangen von seiner Anwesenheit. Nicht mehr verloren und nicht im Nichts versunken. Und nach Wochen der Ruhe gelangt ein Strudel zu mir und treibt mich fort. Wie auf einer Welle lässt er mich weg fließen, weit weg von allem bekannten zu neuen Ufern. Doch ich habe keine Angst mehr, ich freue mich neues zu Erleben, auch wenn ich nicht weiß wie es Enden wird. Und den Fisch? Den lasse ich alleine. Ich wünschte ich könnte ihn mitnehmen, doch er kommt nicht hinterheer, zu schnell scheine ich durch das Wasser zu gleiten. Und das Licht versiegt und die Musik verstummt, als schien meine Abwesenheit ihn zu beeinflussen. Doch ich kann nicht zurück, an jenen Ort der Traurigkeit. Ich muss, nein, wir müssen schauen voraus zu denken. Auch wenn es ein Fehler sein mag, können wir Entscheidungen nicht beeinflussen, denn die Gegenwart schreibt sie und um sie abwägen zu können müssten wir in die Zukunft schauen. Doch wir leben im jetzt und das Leben geht voran.


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